Interview BMW-Vorstand: Leipzig ist die Speerspitze (LVZ 07.11.2011)

Interview BMW-Vorstand: Leipzig ist die Speerspitze (LVZ 07.11.2011)

 
BMW-Produktionsvorstand Frank-Peter Arndt über Elektroautos, Auslastung und das sächsische Werk

Leipzig. Beim Autobauer BMW läuft trotz Abkühlung der weltweiten Konjunktur die Produktion weiter auf Hochtouren. "Die Auslastung im gesamten Produktionsnetzwerk liegt deutlich über 110 Prozent", sagte Produktionsvorstand Frank-Peter Arndt im Interview mit dieser Zeitung. Bei den Auftragseingängen sei bisher auch keine wesentliche Änderung festzustellen.

Frage: Herr Arndt, es gibt Anzeichen einer eventuell bevorstehenden neuen Krise. Wie hoch schätzen Sie die Risiken ein?
Frank-Peter Arndt: Ich schließe nicht aus, dass die hohe Staatsverschuldung in vielen Ländern die Nachfrage dämpfen könnte. Ich glaube dennoch, dass ein Teil der jetzigen Verunsicherung herbeigeredet worden ist. Wir stellen bei unseren weltweiten Auftragseingängen keine wesentlichen Veränderungen gegenüber den guten Vormonaten fest. Dass es zu einer heftigen Krise kommen muss, zeichnet sich nach unseren Betrachtungsgrößen bis jetzt nicht ab.

Sie halten also an Ihren Wachstumszielen fest?

Ja. Wir haben eine operative Marge von über zehn Prozent im Segment Automobile als Ziel definiert. Und beim Absatz werden wir mit über 1,6 Millionen Autos einen Rekord erreichen.

Was erwarten Sie für das nächste Jahr? 

Dass wir unsere Erfolgsstory fortschreiben - unter der Voraussetzung, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht massiv verändern. 

Sie bauen im Zuge ihrer Wachstumsstrategie auch ein neues Werk in China, in dem der kompakte Geländewagen X1 vom Band laufen soll. Ein Rückschlag für Leipzig?

Nein. Die dort gebauten Fahrzeuge wird es ausschließlich auf dem chinesischen Markt geben, den Rest der Welt beliefert weiterhin Leipzig. Ich rechne deshalb mit keinen nennenswerten Auswirkungen auf das Werk. 

Aber es bricht ein wachsender Markt für Leipzig weg.

Das Auto ist weltweit sehr populär. Wir haben lange Lieferzeiten. Unsere Kunden werden sehr zufrieden sein, wenn sie ihr neues Auto schneller bekommen. 

Wie hoch ist die Auslastung im Leipziger Werk derzeit?

Wenn wir alles ausreizen, hat es eine Maximalkapazität von 200000 Fahrzeugen jährlich. Wir liegen dieses Jahr nur ganz knapp darunter.

Gilt das auch für die anderen Werke des Konzerns?
Ja. Die Auslastung im gesamten Produktionsnetzwerk liegt deutlich über 110 Prozent. Die 100-Prozent-Marke wird erreicht, wenn an fünf Tagen in der Woche zweimal acht Stunden in der Montage gearbeitet wird, und das in 47 Wochen pro Jahr. Das heißt: Für die aktuellen Stückzahlen sind Zusatzschichten erforderlich. 

Wie läuft der neue 1er an?

Sehr gut. Wir haben im Werk Regensburg in kürzester Zeit die Kammlinie in der Produktion erreicht. Ab Frühjahr 2012 wird das Auto dann auch in Leipzig gebaut. 

Zuletzt gab es beim 1er eine Rochade: Leipzig gibt die Produktion des Dreitürers an Regensburg ab und bekommt dafür einen Teil der Fünftürer-Fertigung. Sind weitere Veränderungen geplant?
Wir waren immer schon für Überraschungen gut, aber heute ist nicht der Tag, darüber zu reden. Das machen wir erst, wenn Entscheidungen getroffen sind. Ich kann aber sagen: Ich mache mir um die Zukunft des Leipziger Werks keine Sorgen.

Sie wollen in der Kleinwagen-Klasse mit der Marke Mini deutlich wachsen, das Auto soll zukünftig auf einer gemeinsamen Plattform mit dem 1er gebaut werden. Rollt bald auch der erste Mini in Leipzig vom Band?

Das Herz von BMW schlägt in Deutschland, das Herz von Mini in Großbritannien, daran wird nicht gerüttelt. Dennoch zeichnet sich ein zukunftsorientiertes Produktionsnetzwerk dadurch aus, dass es immer Handlungsoptionen hat und flexibel ist. Wenn wir bei zukünftigen Fahrzeuggenerationen Mini und 1er auf eine gemeinsame Plattform stellen, wachsen wir auch produktionstechnisch enger zusammen und können bei Bedarf handeln. Es gibt momentan aber keine Pläne dafür. 

Längst entschieden ist dagegen, dass in Leipzig die Elektroautos von BMW gebaut werden. Wird es der einzige Standort dafür bleiben?

Leipzig ist die Speerspitze der Elektromobilität für BMW und wird das auch immer bleiben. Wie sich die Nachfrage nach Elektroautos weltweit entwickeln wird, kann heute zwar noch niemand genau sagen, im Moment zumindest gibt es aber keine Planungen, die die Produktion vollelektrischer Fahrzeuge außerhalb Leipzigs vorsehen. Bei Hybridmodellen gehe ich dagegen davon aus, dass sie auch an anderen Standorten gefertigt werden.

Welche Stückzahlen erwarten Sie bei den Elektroautos?

Es wäre falsch, darüber zwei Jahre vor dem Marktstart zu spekulieren. 

Was gab den Ausschlag bei der Entscheidung für Leipzig?

Wir haben hier eine hochqualifizierte und hoch motivierte Mannschaft, eine gute Infrastruktur und ausreichend Platz. Die meisten anderen Standorte verfügen schlichtweg nicht über die notwendigen Flächenreserven. Da hätten wir zwar mit dem Bau von Elektrofahrzeugen starten können, wären aber bei hoher Nachfrage nicht in der Lage, auf den zusätzlichen Kapazitätsbedarf zu reagieren. In die notwendige Infrastruktur sollte man nach Möglichkeit aber nur einmal investieren, insofern ist Leipzig der ideale Standort.


* Texthervorhebungen dienen ausschließlich einer plakativen Darstellung. Eine Haftung für die Richtigkeit kann nicht übernommen werden.

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